Title:

Legenden von Rübezahl, Vierte Legende

Description:  Legend by Johann Karl August Musäus
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Vierte Legende des Rübezahl


So sehr sich's auch des Gnomen Günstling hatte angelegensein lassen, den wahren Ursprung seines Glücks zu verhehlen, um nichtungestüme Bittsteller anzureizen, den gebirgischen Patron um ähnlicheSpenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die Sachedoch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischenden Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine Seifenblasevom Strohhalm. Veitens Frau vertraute es einer verschwiegenen Nachbarin,diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, undder allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspieleherum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und Müßiggängerdas Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, beschimpften den Gnomen, hobenan ihn zu beschwören; zu ihnen gesellten sich Schatzgräber und Landfahrer,die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben einschlugen und den Schatzin der Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlangihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert,sich über die Gauche zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließzur Nachtzeit da und dort ein blaues Flämmchen auflodern, und wenn dieLaurer kamen, ihre Mützen und Hüte darauf warfen, ließ er sie manchenschweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freuden heimtrugen, neun Tagelang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatzzu besehen, fanden sie Stank und Unrat im Topf oder Scherben und Steine.

Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das alte Spiel wieder zu beginnen undneuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der Geist endlich unwillig, stäubtedas lose Gesindel durch einen kräftigen Steinhagel aus seinem Gebietehinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und grämlich, daß keinerohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann, und derName Rübezahl wurde nicht mehr gehört im Gebirge bei Menschengedenken.

Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens; da kamein Weiblein ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihrensonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kindan der Brust liegen, eins trug sie auf dem Rücken, eins leitete sie ander Hand, und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einemRechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachteRübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vierKindern und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren, wird sich noch mitder Bürde des Korbes belasten müssen.

Diese Betrachtung versetzte ihnin eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frauin Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifteLaub von den Büschen; indes wurde den Kleinen die Zeit lang, und sie fingenan, heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielteund tändelte mit den Kindern, nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend undscherzend herum, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit.Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre Symphonienvon neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief insHolz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind andie Brust.

Diese mütterliche Behandlung gefiel dem Gnomen ungemein wohl.Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sichdurch nichts befriedigen lassen, war ein störrischer, eigensinniger Junge,der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sichwarf und dazu schrie, als wenn er aufgespießt wäre. Darüber riß ihr dochendlich die Geduld aus. 'Rübezahl,' rief sie, 'komm und friß mir den Schreier!'Augenblicks versichtbarte sich der Geist in der Köhlergestalt, trat zumWeibe und sprach: 'Hier bin ich, was ist dein Begehr?' Die Frau gerietüber diese Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches,herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. 'Ich rief dichnur,' sprach sie, 'meine Kinder schweigen zu machen; nun sie ruhig sind,bedarf ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.' - 'Weißtdu auch,' entgegnete der Geist, 'daß man mich hier nicht ungestraft ruft?Ich halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse;so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.'

Darauf streckteer die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen. Wie eine Gluckhenne,wenn der Weih hoch über dem Dache in den Lüften schwebt oder der schäkerhafteSpitz auf dem Hofe hetzt, mit ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchleinin den sicheren Hühnerkorb lockt, dann ihr Gefieder emporsträubt, dieFlügel ausbreitet und mit dem stärkeren Feinde einen ungleichen Kampfbeginnt: so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, balltedie kräftige Faust und rief: 'Ungetüm! Das Mutterherz mußt du mir erstaus dem Leibe reißen, eh' du mir mein Kind raubest.' Eines so mutvollenAngriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchternzurück; dergleichen handfeste Erfahrungen in der Menschenkunde war ihmnoch nie vorgekommen.

Er lächelte das Weib freundlich an: 'Entrüste dichnicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähnest, will dir und deinenKindern auch kein Leides tun: aber laß mir den Knaben; der Schreier gefälltmir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleidenund einen wackeren Kerl aus ihm ziehen, der Vater und Brüder einst nährensoll. Fordere hundert Schreckenberger, ich zahl sie dir.' 'Ha!' lachtedas rasche Weib, 'gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge, der wäremir nicht um aller Welt Schätze feil.' 'Törin!' versetze Rübezahl, 'hastdu nicht noch drei Kinder, die dir Last und Überdruß machen! Mußt siekümmerlich nähren und dich mit ihnen plagen Tag und Nacht.' Das Weib:'Wohl wahr, aber dafür bin ich Mutter, muß tun was meines Berufes ist.Kinder machen Überlast, aber auch manche Freunde.' Der Geist: 'SchöneFreunde, sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu gängeln,zu säubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen!' Sie: 'Wahrlich, Herr,Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mühe versüßt ein einzigerfreundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der kleinen unschuldigenWürmer. - Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir hängt, der kleineSchmeichler! Nun ist er's nicht gewesen, der geschrien hat. - Ach, hätteich doch hundert Hände, die euch heben und tragen und für euch arbeitenkönnten, ihr lieben Kleinen!' Der Geist: 'So! Hat denn dein Mann keineHände, die arbeiten können?' Sie: 'O ja, die hat er! Er rührt sie auch,und ich fühl's zuweilen.' Der Geist aufgebracht: 'Wie? Dein Mann erkühntsich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genickwill ich ihm brechen, dem Mörder!'

Sie lachend: 'Da hättet Ihr viel Hälsezu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse büßen sollten, die sich ander Frau vergreifen. Die Männer sind ein schlimmes Volk; drum heißt's:Eh'stand, Weh'stand; muß mich drein ergeben, warum hab' ich gefreit.'Der Geist: 'Nun ja, wenn du wußtest, daß die Männer ein schlimmes Volksind, so war's auch ein dummer Streich, daß du streitest.' Sie: 'Mag wohl!Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte, und ich einearme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh', gabmir einen Wildemannstaler auf den Kauf, und der Handel war gemacht. Nachherhat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab' ichnoch.' Der Geist lächelte: 'Vielleicht hast du ihn wild gemacht durchdeinen Starrsinn.' Sie: 'O, den hat er mir ausgetrieben! Aber Steffenist ein Knauser; wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rast erim Hause ärger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor,und da muß ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte,wollt' ich ihm schon den Daumen aufs Auge halten.' Der Geist: 'Was treibtdein Mann für ein Gewerbe?' Sie: 'Er ist ein Glashändler, muß sich seinenErwerb auch lassen sauer werden; schleppt der arme Tropf die schwere Bürdeaus Böhmen herüber jahraus jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht,muß ich's und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschlägetun nicht weh.'

Der Geist: 'Du kannst den Mann noch lieben, der dir soübel mitspielt?' Sie: 'Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meinerKinder? Die werden alles gutmachen und uns wohl belohnen, wenn sie großsind.' Der Geist: 'Leidiger Trost! Die Kinder danken auch den Eltern Müh'und Sorgen! Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem Schweißtuchpressen, wenn sie der Kaiser zum Heere schickt ins ferne Ungarland, daßdie Türken sie erschlagen.' Das Weib: 'Ei nun, das kümmert mich auch nicht;werden sie erschlagen, so sterben sie für den Kaiser und fürs Vaterlandin ihrem Beruf; können aber auch Beute machen und die alten Eltern pflegen.'Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib würdigteihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band obendrauf den kleinenSchreier mit der Leibschnur fest, und Rübezahl wandte sich, als wollteer weiter gehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, daß das Weib nichtaufkommen konnte, rief sie ihn zurück: 'Ich hab' Euch einmal gerufen,'sprach sie, 'helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein übriges tun wollt,so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Karfreitagsgröschelzu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim, der wird uns Weißbrotaus Böhmen mitbringen.'

Der Geist antwortete: 'Aufhelfen will ich dirwohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spendehaben.' - 'Auch gut!' versetzte das Weib und ging ihres Weges. Je weitersie ging, je schwerer wurde der Korb, daß sie unter der Last schier erlag,und alle zehn Schritt verschnauben mußte. Das schien ihr nicht mit rechtenDingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr eine Posse gespielt undeine Last Steine unter das Laub gesteckt; darum setzte sie den Korb abauf dem nächsten Rande und stürzte ihn um. Doch es fielen eitel Laubblätterheraus und keine Steine. Also füllte sie ihn wieder zur Hälfte und rafftenoch so viel Laub ins Vortuch, wie sie darin fassen konnte; aber baldward ihr die Last von neuem zu schwer, und sie mußte nochmals ausleeren,was die rüstige Frau sehr verwunderte; denn sie hatte gar oft hochgepanzerteGraslasten heimgetragen und solche Mattigkeiten noch nie gefühlt. Desungeachtetbeschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und denjungen Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte siein Schlaf, betete ihren Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein.Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme seinFrühstück heischte, weckten das geschäftge Weib zu ihrem Tagewerk ausdem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse ihrer Gewohnheitnach zum Ziegenstall. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafteHaustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere vonsich gestreckt und war verschieden; die Hipplein aber verdrehten die Augengräßlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich, und gewaltsame Zuckungenverrieten, daß sie der Tod ebenfalls schüttele.

So ein Unglücksfall warder guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubtvon Schrecken sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vordie Augen, denn sie konnte den Jammer der Sterbenden nicht ansehen, undseufzte tief: 'Ich unglückliches Weib, was fang ich an! Und was wird meinharter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzerGottessegen auf dieser Welt!' - Augenblicklich strafte sie das Herz diesesGedankens wegen. 'Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist aufdieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder?' Sie schämtesich ihrer Übereilung; laß fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie,hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Ist doch die Milchquellefür den lieben Säugling noch nicht versiegt, und für die übrigen Kinderist Wasser im Brunnen. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen absetzt under mich übel schlägt, was ist's mehr als ein böses Ehestündlein? Habeich doch nichts verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneidengehen, und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht;eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein, und habe ich die, sowird's auch nicht an Hipplein fehlen. Indem sie das bei sich gedachte,ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ab ihre Tränen, und wie sie dieAugen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein Blättlein, das flitterte undblinkte so hell, so hochgelb wie gediegen Gold; sie hob es auf, besah's,und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrerNachbarin, zeigte ihr den Fund mit großer Freude, und diese erkannte esfür reines Gold, scherte es ihr ab und zählte ihr dafür zwei Dicktalerbar auf den Tisch.

Vergessen war nun all ihr Herzleid. Solchen Schatzan Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zumBäcker, kaufte Strötzel und Butterkringel und eine Hammelkeule für Steffen,die sie zurichten wollte, wenn er müde und hungrig auf den Abend von derReise käme. Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen,da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Frühstück austeilte! Sieüberließ sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar zufüttern; und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einerBösen getötete Vieh beiseite zu schaffen und dieses häusliche Unglückvor dem Manne so lange wie möglich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunenging über alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sah und einenganzen Haufen goldener Blätter darin erblickte. Sie ahnte, woran das Viehgestorben war, darum schärfte sie geschwind das Küchenmesser, brach denZiegenleichnam auf und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so großwie ein Paulinerapfel, und so auch im Verhältnis in den Mägen der Zicklein.

Jetzt wußte sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit dem Besitz empfandsie auch seine drückenden Sorgen; sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen,wußte nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in den Kellervergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollte auch den KnauserSteffen nicht gleich alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, daßer, vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennochnebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klugdamit anstellen möchte, und fand keinen Rat. Der Pfaffe im Dorfe war derSchutzpatron aller bedrängten Weiber, legte den ungestümen Haustyrannen,wenn Klage einlief, schwere Bußen auf und nahm stets der Weiber Partei.Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen Seelenpfleger, berichteteihm unverhohlen das Abenteuer mir Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtumverholfen, und was sie dabei für Anliegen habe, belegte auch die Wahrheitder Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaffe kreuztesich über das Wunderbare dieser Begebenheit mächtig, freute sich gleichwohlüber das Glück des armen Weibes und rückte darauf sein Käpplein hin undher, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aussehen sie im ruhigenBesitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel auszufinden, daß derzähe Steffen sich dessen nicht bemächtigen könne. Nachdem er lange überlegt,redete er also: 'Hör' an, meine Tochter, ich weiß guten Rat für alles.Wäge mir das Gold, daß ich's dir getreulich aufbewahre; dann will icheinen Brief schreiben in welscher Sprache, der soll dahin lauten: DeinBruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienstnach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe all sein Gut dirim Testament vermacht, mit der Bedingung, daß der Pfarrer des Kirchspielsdich bevormunde, damit es dir allein und keinem anderen zu Nutz komme.Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, daß du der heiligenKirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel bescherthat, und gelobe ein reiches Meßgewand für die Sakristei.'

Dieser Rat behagtedem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Meßgewand; er wog in ihremBeisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quentchen aus, legte es in denKirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen vonihm. Rübezahl war nicht minder Weiberpatron als der gutmütige Pfarrerzu Kirsdorf, doch mit Unterschied.

Der letztere verehrte das weiblicheGeschlecht überhaupt, weil, wie er sagte, die heilige Jungfrau dazu gehöre;jener im Gegenteil haßte das ganze Geschlecht um eines Mädchens willen,das ihn überlistet hatte, obgleich ihn seine Launen zuweilen auf den mildenTon stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefälligzu sein. So sehr die wackere Dörferin mit ihren Gesinnungen und Benehmenseine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den barschenSteffen, trug groß Verlangen, das biedere Weib an ihm zu rächen, ihm einePosse zu spielen, daß ihm angst und weh dabei würde, und ihn dadurch sokirre zu machen, daß er der Frau untertan würde, und sie ihm nach Wunschden Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem Vorhaben sattelte er denraschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal, spähteaus wie ein Ausreiter auf allen Landstraßen und Kreuzwegen von Böhmenher, und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Bürde trug, war er hinterihm her und forschte mit dem Scharfblick eines Korbbeschauers nach seinerLadung. Zum Glück führte kein Wanderer, der diese Straße zog, Glasware,sonst hätte er für Schaden und Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatzzu hoffen, wenn er auch der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte.Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdingsnicht entgehen. Um Vesperzeit kam ein rüstiger frischer Mann angeschrittenmit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem festen, sichern Trittertönte jedesmal die Last, die er trug.

Der Laurer freute sich, sobalder ihn in der Ferne witterte, daß ihm nun seine Beute gewiß war und rüstetesich, seinen Meisterstreich auszuführen. Der keuchende Steffen hatte beinahedas Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhöhe war noch zu gewinnen, soging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich, den Gipfel zuerklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer. Er mußte mehrals einmal ruhen, stützte den knotigen Stab unter den Korb, um das drückendeGewicht zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in großen Tropfenvor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kräfte erreichte er endlichdie Zinne des Berges, und ein schöner gerader Pfad führte zu dessen Abhang.Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum, und der Überrest des Stammesstand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt.Ringsumher grünte Tunkagras, Schwallenzagel und Marienflachs. Dieser Anblickwar dem ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem,daß er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenüberim Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann er, wieviel reinenGewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde, und fand nach genauemÜberschlag, daß, wenn er keinen Groschen fürs Haus verwendete und diefleißige Hand seines Weibes für Nahrung und Kleidung sorgen ließe, ergerade so viel lösen würde, auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einenEsel zu kaufen und zu befrachten.

Der Gedanke, wie er in Zukunft dem Grauschimmeldie Last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde, war ihm zu derZeit, wo seine Schultern eben wund gedrückt waren, so herzerquickend,daß er ihm, wie es bei frohen Idealen sehr natürlich ist, weiter nachging.Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll mir bald ein Pferd daraus werden,und hab' ich nun den Rappen im Stalle, so wird sich auch ein Acker dazufinden, darauf sein Hafer wächst. Aus einem Acker werden dann leicht zwei,aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und endlich ein Bauerngut, unddann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.

Er war mit seinen Projektenbeinahe so weit wie das Milchmädchen aus der Fabel, da tummelte Rübezahlseinen Wirbelwind um den Holzstock herum und stürzte mit einem Male denGlaskorb herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel.Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in derFerne ein lautes Gelächter, wenn's anders nicht Täuschung war und dasEcho den Laut der zerschellten Gläser nur wieder zurückgab. Er nahm'sfür Schadenfreude, und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich schien,auch da er recht zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet erleicht auf den Unglücksstifter.

'O!' wehklagte er, 'Rübezahl, du Schadenfroher,was habe ich dir getan, daß du mein Stückchen Brot mir nimmst, meinensauren Schweiß und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!' Hieraufgeriet er in eine Art von Wut, stieß alle erdenklichen Schmähreden gegenden Berggeist aus, um ihn zum Zorn zu reizen. 'Halunke,' rief er, 'kommund erwürge mich, nach dem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!'In der Tat war ihm auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert alsein zerbrochenes Glas; Rübezahl ließ indessen weiter nichts von sich sehennoch hören. Der verarmte Steffen mußte sich entschließen, wenn er nichtden leeren Korb nach Hause tragen wollte, die Bruchstücke zusammenzulesen,um auf der Glashütte wenigstens ein Paar Spitzgläser zum Anfang einesneuen Gewerbes dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Reeder, dessenSchiff der gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging erdas Gebirge hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen Gedanken, machtedazwischen dennoch allerlei Pläne, wie er den Schaden ersetzen und seinemHandel wieder aufhelfen könne.

Da fielen ihm die Ziegen ein, die seineFrau im Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder, undim Guten, wußte er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte erdiesen Kniff, seinen Verlust gar nicht daheim zu erzählen, auch nichtbei Tage in seine Wohnung zurückzukehren, sondern um Mitternacht sichins Haus zu stehlen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treibenund das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seinerRückkehr aber mit dem Weibe zu hadern und sich bärbeißig zu stellen, alshabe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen lassen.Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Mann nahebeim Dorfe in einen Busch und erwartete mit sehnlichem Verlangen die Mitternachtsstunde,um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwölf machte er sich auf denDiebesweg, kletterte über die niedrige Hoftür, öffnete sie von innen undschlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte doch Scheu und Furchtvor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich ertappen zu lassen.

WiderGewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn wunderte, ob's ihn gleicherfreute; denn er fand in dieser Fahrlässigkeit einen Schein von Recht,sein Vorhaben damit zu beschönigen. Aber im Stall fand er alles öde undwüst; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder Ziege noch Böcklein.Im ersten Schrecken meinte er, es habe ihm bereits ein Dieb vorgegriffen,dem das Stehlen geläufiger sei als ihm; denn Unglück kommt selten allein.Bestürzt sank er auf die Streu und überließ sich, da ihm auch der letzteVersuch, seinen Handel wieder in Gang zu bringen, mißlungen war, einerdumpfen Traurigkeit. Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfaffen wieder zurückwar, hatte sie mit frohem Mute alles fleißig zugerichtet, ihren Mann miteiner guten Mahlzeit zu empfangen, wozu sie den geistlichen Weiberfreundauch eingeladen hatte, der versprach, ein Kännlein Speisewein mitzubringen,um beim fröhlichen Gelag dem aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaftdes Weibes Bericht zu geben, und unter welcherlei Bedingungen er daranGenuß und Anteil haben solle.

Sie sah gegen Abendzeit fleißig zum Fensterhinaus, ob Steffen käme, lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mitihren schwarzen Augen auf die Landstraße hin, war bekümmert, warum erso lange weile, und da die Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgenund Ahnungen in die Bettkammer, ohne daß sie ans Abendbrot dachte. Langekam ihr kein Schlaf in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen ineinen unruhigen, matten Schlummer fiel. Den armen Steffen quälten Verdrußund Langeweile im Ziegenstalle nicht minder; er war so niedergedrücktund kleinlaut, daß er sich nicht traute, an die Tür zu klopfen. Endlichkam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und rief mit wehmütiger Stimme:'Liebes Weib, erwache und tue auf deinem Manne!' Sobald Ilse seine Stimmevernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein munteres Reh, lief an dieTüre und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber erwiderte diese herzigenLiebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen Korb ab und warf sichmißmutig auf die Höllbank. Als das fröhliche Weib das Jammerbild sah,ging's ihr ans Herz.

'Was ist dir, lieber Mann,' sprach sie bestürzt,'was hast du?' Er antwortete nur durch Stöhnen und Seufzen; dennoch fragtesie ihm bald die Ursache des Kummers ab, und weil ihm das Herz zu vollwar, konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht längerverhehlen. Da sie vernahm, daß Rübezahl den Schabernack verübt hatte,erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich desLachens nicht erwehren, welches Steffen bei mutiger Gemütsverfassung ihrübel würde gelohnt haben. Jetzt ahnte er den scheinbaren Leichtsinn nichtweiter und fragte nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch mehrdes Weibes Zwerchfell, da sie bemerkte, daß der Hausvogt schon allenthalbenumherspioniert hatte, 'Was kümmert dich mein Vieh?' sprach sie, 'hastdu doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl aufgehobendraußen auf der Weide. Laß dich auch den Schelm von Rübezahl nicht anfechtenund gräme dich nicht; wer weiß, wo er oder ein anderer uns reichen Ersatzdafür gibt.' - 'Da kannst du lange warten,' sprach der Hoffnungslose.- 'Ei nun,' versetzte das Weib, 'unverhofft kommt oft. Sei unverzagt,Steffen! Hast du auch keine Gläser und ich keine Ziegen mehr, so habenwir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu ernähren;das ist unser ganzer Reichtum.' - 'Ach, daß es Gott erbarme!' rief derbedrängte Mann, 'sind die Ziegen fort, so trage die vier Bälge nur gleichins Wasser, nähren kann ich sie nicht.'

- 'Nun, so kann ich's' sprachIlse. Bei diesen Worten trat der freundliche Pfaffe herein, hatte vorder Tür schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hieltSteffen eine lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel allesÜbels sei; und nachdem er ihm das Gesetz genügend eingeschärft hatte,verkündigte er ihm nun auch das Evangelium von der reichen Erbschaft desWeibes, zog den welschen Brief heraus und verdolmetschte ihm daraus, daßder zeitige Pfarrer in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestelltsei und die Verlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Handbereits empfangen habe. Steffen stand da wie ein stummer Ölgötze, konntenichts als sich dann und wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchtenRepublik Venedig der Pfaffe ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem erwieder zu mehr Besonnenheit gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzigin die Arme und tat ihr die zweite Liebeserklärung in seinem Leben, sowarm wie die erste, und, obwohl sie jetzt aus anderen Beweggründen stammte,so nahm sie Ilse doch für gut auf. Steffen wurde von nun an der geschmeidigste,gefälligste Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei einfleißiger ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache.

Derredliche Pfaffe verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münzeund kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse wirtschaftetenihr Leben lang. Den Überschuß lieh er auf Zins aus und verwaltete dasKapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz, nahm keinen anderen Lohndafür als ein Meßgewand, das Ilse so prächtig machen ließ, daß kein Erzbischofsich dessen hätte schämen dürfen. Die zärtliche treue Mutter erlebte nochim Alter große Freude an ihren Kindern, und Rübezahls Günstling wurdegar ein wackerer Mann, diente im Heer des Kaisers lange Zeit unter Wallensteinim Dreißigjährigen Kriege.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Geschichten/Epen
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/M/sonstige

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum